Die Logik des Nichtwählens von Berufen

OpenAir-Azubimesse

am 26.09.2020

Orientierung

Wie im Blogbeitrag „Berufen auf der Spur“ schon angekündigt, geht es im heutigen Beitrag um  „Die Logik des Nichtwählens von Berufen“.

Warum entscheiden sich die Jugendlichen meist für die gleichen Berufe?

Wenn es um die Frage geht, warum sich viele Jugendliche in den letzten Jahren immer wieder für die gleichen Berufe entscheiden, heißt es meist “die kennen ja nur fünf Berufe!”. Gleichzeitig werden viele Berufe mit Besetzungsproblemen ganz einfach ausgeklammert. Beste Beispiele finden sich in der Hotellerie und Gastronomie, in der Pflege sowie in Teilen des Handwerks. 

Die Logik des Nichtwählens

Das Nichtwählen folgt jedoch einer anderen Logik, wie der des Ergreifens eines konkreten Berufes. Dieser Punkt wird aber von vielen Akteuren in der Berufsorientierung unterschätzt bzw. ausgeblendet. Erkenntnisse dazu bietet eine aktuelle und vielbeachtete Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB), auf die ich mich weitestgehend beziehe. Dabei wird zwischen zwei unterschiedlich wirkenden Einflussfaktoren unterschieden: Attraktionsfaktoren und Aversionsfaktoren 

Im Ergebnis hat jeder der im Folgenden kurz vorgestellten Aversionsfaktoren nicht nur eigenständige negative Effekte auf die Neigung zu Berufen, sondern schwächen auch den positiven Effekt von Attraktionsfaktoren (Passung zwischen eigenen beruflichen Interessen und den vermuteten Tätigkeiten eines bestimmten Berufes) ab. Die Wahrscheinlichkeit des Ausschlusses eines Berufes als mögliche Berufswahloption ist demzufolge auch dann sehr hoch, wenn eine Kombination aus Attraktions- und Aversionsfaktoren vorhanden ist. 

Diese Faktoren (Aversionsfaktoren) machen einen Beruf grundlegend unattraktiv: 

Mangelnde soziale Passung
Jugendliche wählen in der Regel keinen Beruf, wenn sie vermuten, dass dieser im Freundeskreis oder in der Familie nicht gut ankommt und keine Anerkennung findet, selbst wenn die Tätigkeiten mit den eigenen beruflichen Interessen übereinstimmen. Nicht von ungefähr tendieren Kinder aus Akademikerfamilien eher dazu, ein Studium aufzunehmen als eine
Ausbildung
anzustreben. Ansehen und soziale Wertschätzung genießen demnach oberste Priorität bei der Berufswahl.

Rahmenbedingungen eines Berufes versus eigene Zielvorstellungen (“mangelnde Rahmenbedingungspassung”)
Bestehendes Interesse an einem Beruf führt häufig dann zum Ausschlusswenn die Rahmenbedingungen negativ bewertet werden und den eigenen Wünschen entgegenstehen. Dazu zählen körperliche Anstrengungen und Schichtarbeit ebenso wie unzureichende Verdienstmöglichkeiten, Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder Arbeitsplatzsicherheit und Entwicklungsmöglichkeiten.

Mangelnde Chancen (“mangelnde Realisierbarkeit”)
Gehen Jugendliche davon aus, dass sie den Anforderungen des angestrebten Berufes beispielsweise durch schlechte schulische Leistungen nicht gewachsen sind oder die Hürden zu hoch erscheinenschätzen sie die Chancen auf einen Ausbildungsplatz als gering einGrößere Anstrengungen werden meist unterlassen, um gewünschte Anforderungen zu erreichen bzw. zu erfüllen. Im Ergebnis bewerben sich die Jugendlichen gar nicht erstVielmehr suchen sie sich andere Berufe, die ihrem eingeschätzten Leistungsniveau und Können eher entsprechen.

Fehlende Kenntnisse über einen bestimmten Beruf (“mangelnde Urteilssicherheit”)
Auch die mangelnde Urteilssicherheit ist ein wichtiger Grund, warum bestimmte Berufe aus Unkenntnis oder nicht ausreichender Kenntnisse in den engeren Kreis der Berufswahlentscheidung gelangen. Dabei kennt jeder das Sprichwort: “Was man nicht kennt, nimmt man nicht wahr!” Kennt also ein Jugendlicher einen Beruf nicht gut oder nicht ausreichend, wird er sich auch nicht vorstellen können, diesen später einmal auszuüben. 

 In Anbetracht der Ergebnisse und Aversionsfaktoren ergeben sich folgende Handlungsempfehlungen: 

  • Eine kritische Reflexion zu Ansehen und sozialer Wertschätzung in den Berufsorientierungsmaßnahmen und gegebenenfalls im Ausbildungsmarketing 
  • Verbesserung der Rahmenbedingungen vor allem in Berufen mit Besetzungsproblemen  
  • Vermittlung realistischer und nicht übertriebener Anforderungen zu Berufen (z. B. bei der Bewerbung von Ausbildungsplätzen) 
  • Abbau von Geschlechterstereotypen bei der Berufswahl 

 Autor: Sascha Bohn

* Im Interesse einer besseren Lesbarkeit wird nicht ausdrücklich in geschlechtsspezifischen Personenbezeichnungen differenziert. Die gewählte männliche Form schließt selbstverständlich das weibliche und diverse Geschlecht ein

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