Dauerferien oder Dauerstress?

Lesen Sie in zwei Teilen Berichte von Lehrern und Schulleitern

Dresdner Lange Nacht der Wissenschaft am 09.07.2021

digital und überall

Homeschooling

Was machen eigentlich die Lehrer in Zeiten von Homeschooling? 

Unsere Titelzeile Dauerferien oder Dauerstress? ist bewusst ein wenig provokant gewählt. Nicht, weil ich eine schlechte Meinung von unseren Lehrern habe, sondern weil genau diese Frage im Freundes- und Bekanntenkreis häufiger gestellt wurde in den vergangenen zwei Monaten. Was machen viele Lehrer eigentlich im Homeoffice?

Mittlerweile sind sehr viele Lehrer wieder in den Schulen, um die Abschlussjahrgänge zu unterrichten und um den Komplett-Schulstart an Grundschulen in Sachsen in der kommenden Woche vorzubereiten. Dennoch wollen wir zurückblicken und Lehrer berichten lassen, wie sie die Zeit des Homeschoolings erlebt haben. 

Unterrichten am Chat im Homeoffice 

Eine befreundete Gymnasiallehrerin in Dresden hat die Zeit des Homeschoolings vollständig von zuhause bewältigt. Für ihre Klassen war sie bis zu acht Unterrichtsstunden am Tag verfügbar – am Laptop, am Chat und per Mail. Mit einem Grundschul- und einem Kita-Kind war für sie die Situation teils ebenso herausfordernd wie für viele Eltern. Soviel zum Thema Dauerferien oder Dauerstress. Alle Lehrplaninhalte waren für sie und ihre Schüler über diese Art des Homeschoolings nicht zu schaffen. Eine Kontrolle der Aufgabe war zeitlich kaum möglich, Feedback konnte sie daher nur punktuell geben. Etwas, was unsere Schüler im jüngsten Blog auch kritisiert hatten. Jedoch: Wenn Lehrer zuhause die eigenen Kinder noch unterrichten und ein Kita-Kind beschäftigen müssen, fehlt dafür leider die Zeit. 

Fehlende Technik für digitales Homeschooling 

Zudem berichtet uns eine stellvertretende Schulleiterin aus ihrem Alltag. War auch sie anfangs im Homeoffice mit einem Kleinkind tätig, kehrte sie nach den ersten Wochen in die Schule zurück, um die Notbetreuung zu organisieren und abzusichern. In den vergangenen Tagen nun türmten sich die Aufgaben, die mit der Wiederöffnung der Schulen einherging. Was sie über die Voraussetzungen für Homeschooling an ihrer Schule berichtet, stimmt mich traurig. „Es fehlt so sehr an technischen Ressourcen – zum einen in den Schulen, zum anderen auch in vielen FamilienIn vielen Büros mag der Umgang mit Chatprogrammen schon eingeübt sein, aber in unseren Schulen, die sich zum Teil nicht einmal neue Farbe an der Wand oder Computer für jeden Schüler leisten können, gleicht das Vorhaben, ein digitales Lernprogramm aus dem Boden zu stampfen, dem direktem Sprung vom Ackerbau zur industriellen Revolution.  

Videosprechstunde scheitert an der Übertragungsrate 

Wir haben versucht, eine Videosprechstunde zu ermöglichen und scheiterten an den Übertragungsraten, die keinen vernünftigen Stream zuließen. Und mancher Lehrer verweigert sich dann zurecht, mit privater Technik und den eigenen Kleinkindern im Rücken beim Homeoffice irgendwelche Videos zu drehen. Da sind unser Arbeitgeber und der Schulträger in der Pflicht.   

Mit Beginn der Corona-Krise war die Erwartungshaltung an sofortiges digitales Lernen groß, fast so, als hätte es für diese unerwartete Situation irgendwo einen Notfallplan geben müssen. Woher aber hätte der kommen sollen? Wir treten seit Jahren auf der Stelle, insbesondere im ländlichen Raum. Den Ländern und Kommunen hielt es einen Spiegel vor. 

Nein, wir brauchen nicht alles voller Technik. In Grundschulen galt von Anfang an, dass man die Kulturtechniken des Lesens, Schreibens und Rechnens allein mit Videos schlichtweg nicht hinreichend vermitteln kann. Aber ein Mindestmaß an Ausstattung wäre nett. Nicht jedes Mal „niederknien“ zu müssen, wenn man die Kinder in 3 Etagen um den einen vorhandenen PC im Klassenraum gestapelt hat. Und dann verkabelt mit privaten Boxen. In der Hoffnung, EINMAL im Quartal ein zweiminütiges YouTube-Video anzusehen… ja, das wäre ein Fortschritt. 

Und morgen gibt es dann den zweiten Teil …
–  Digitalpakt hat bislang nichts verbessert
– Nähe und Späße mit Schülern fehlen

 

* Im Interesse einer besseren Lesbarkeit wird nicht ausdrücklich in geschlechtsspezifischen Personenbezeichnungen differenziert. Die gewählte männliche Form schließt selbstverständlich das weibliche und diverse Geschlecht ein

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